Die Insolvenzwelle wird kommen

Eine koronabedingte Welle von Insolvenzen wird das deutsche Finanzsystem stark belasten. Experten des zeb erläutern, wie Banken am besten gegensteuern können.

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Deutschlands Banken haben in den ersten Wochen der Corona-Krise Immenses geleistet. Sie konnten Tausenden Unternehmen staatliche Notkredite vermitteln und sie so vor finanziellen Engpässen bewahren. Doch warnen zeb-Experten die Institute davor, sich in allzu großer, staatlich garantierter Sicherheit zu wiegen: Je länger die Wirtschaft virusbedingt lahm liegt, desto größer ist die Gefahr, dass Unternehmen doch noch in die Insolvenz schlittern und damit auch die Banken in Gefahr bringen.
 
„Es baut sich eine Insolvenzwelle auf, die früher oder später die Kreditportfolios der Banken erreichen wird“, sagt Natalie Schneider, Partnerin beim zeb und Expertin für das operative Kreditgeschäft. Das legen auch Zahlen des Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo) nahe. Einer Umfrage vom April zufolge droht knapp einem Drittel der befragten Firmen schon nach drei Monaten das Aus, mehr als die Hälfte könnte maximal ein halbes Jahr unter pandemiebedingten Einschränkungen überleben. 

Um dies zu verhindern, hat der Staat Hilfsprogramme aufgelegt. Zwischen dem 23. März und 08. Mai haben Banken mehr als 35 000 Anträge mit einem Gesamtvolumen von rund 33 Mrd. Euro für das Sonderkreditprogramm der bundeseigenen KfW Bankengruppe bearbeitet. Die staatliche Förderbank übernimmt 80 bis 100 Prozent des Ausfallrisikos. Schätzungen zufolge könnte sich das Kreditvolumen noch verdreifachen. 

Doch das alleine reicht nicht aus. „Die Banken müssen sich im Klaren sein, dass die Sonderkredite ihren Kunden Zeit verschaffen, aber oft eben nicht mehr“, sagt Helge Böschenbröker, Managing Director bei zeb in Italien und Experte für Problemkreditbearbeitung. „Branchen wie Hotelwirtschaft und Gastronomie sind bereits jetzt trotz der Hilfen am Limit.“ Auch dürften viele seit langem angeschlagene Unternehmen in Schwierigkeiten geraten, die nur die gute Konjunktur der letzten Jahre am Leben gehalten hat. „Kunden werden trotz Sonderhilfen ins Straucheln geraten“, warnt er.

Böschenbröker vergleicht die Hilfsprogramme daher mit einem Wellenbrecher, der zwar die Wucht rausnimmt. Aber: „Einen dramatischen Anstieg notleidender Kredite werden sie auf Dauer nicht verhindern. Die Welle wird kommen – die Frage ist nur: Wie hoch wird sie sein?“ 

Deswegen sei es notwendig, sich frühzeitig vorzubereiten und sich selbst vor der Welle zu schützen, raten die zeb-Manager. „Kein herkömmliches Risikomodell kann derartige Szenarien im Voraus richtig abbilden“, sagt Böschenbröker. Entsprechend müssten Banken ihre Kreditportfolios mit Hilfe spezifischer Modelle  auf Corona-bedingte Risiken durchleuchten. So könnten Banken Kreditnehmern früher konsequent und zielgerichtet helfen, Liquiditätsengpässe zu überbrücken. Zwar würden Banken damit nicht alle Insolvenzen vermeiden. Aber zumindest würde ein allzu drastischer Anstieg notleidender Kredite in kurzer Zeit verhindert, sagen die zeb-Manager.
 
„Flatten the curve empfehlen wir daher auch für das Problemkreditportfolio“, sagen Schneider und Böschenbröker in Anlehnung an den Kraftakt von Politik und Gesellschaft, durch die Verlangsamung von Infektionsketten das Gesundheitssystem vor einer überwältigenden Flut von Corona-Fällen zu bewahren. 

„Eine Häufung von Pleiten und Kreditausfällen wird auch für viele Banken ein Problem werden“, warnt Böschenbröker. Denn auch in der Realwirtschaft gibt es Infektionsketten. Diese ziehen sich entlang von Kunden- und Lieferbeziehungen – die Insolvenz eines Unternehmens birgt dann die Gefahr einer „Ansteckung“ seiner Geschäftspartner. Weshalb auch die Geldinstitute aus Expertensicht gut beraten wären, die Kurve abzuflachen. 

„Ein zu steiler Anstieg von Problemkrediten führt unweigerlich zu mangelnder Intensität in der Bearbeitung des einzelnen Engagements. Dies behindert unter anderem die rechtzeitige und fundierte Analyse der Unternehmenssituation und die effektive Anwendung von Forbearance-Maßnahmen. Kurzfristig bringt dies zwangsläufig höhere Kreditausfälle und einen entsprechenden Bedarf an Risikovorsorge mit sich“, erklärt der zeb-Manager.
 
Doch lauern hier nach Angaben der zeb-Experten operative Risiken für die Banken. So steige zum Beispiel die Gefahr, dass es vermehrt Formfehler in den Anträgen gebe. „Es ist noch unklar, in welchem Umfang mögliche Formfehler zu einer Ablehnung der Haftung für den effektiven Verlust aus der Abwicklung führen können”, sagt Böschenbröker. 
 
Um die Risiken zu minimieren und sich auf die drohende Gemengelage vorzubereiten, sollten die Banken vor allem den Fokus auf Personal und Prozesse legen. „Da die Wirtschaftslage in den vergangenen Jahren sehr positiv war, fehlen den Banken oftmals wertvolle Erfahrungswerte im Umgang mit Problemkrediten”, sagt Böschenbröker. Es gebe zu wenige Mitarbeiter, um die zu erwartenden Fälle zu bearbeiten; zudem sei das Personal oftmals für diese speziellen Fragestellungen nicht ausreichend geschult. 

Parallel sei es wichtig, die Abläufe zu optimieren. „Die Banken sollten klar priorisieren”, sagt Schneider. So gelte es unter anderem zu entscheiden, welche Kunden selbst intensiv betreut werden sollten, wo eine Restrukturierung vertretbar und sinnvoll erscheint und bei welchen Kunden eine Abwicklung unumgänglich erscheint. Angesichts der erwarteten Menge, sollten dabei auch Optionen wie die Auslagerung der Abwicklung an externe Dienstleister oder die Veräußerung von Portfolios in Erwägung gezogen werden. 

So oder so werde sich das Risikoprofil von Banken verändern, sagt das zeb-Duo: „Da müssen alle jetzt ran.“

 

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Helge Böschenbröker, zeb

Flatten the curve empfehlen wir auch für das Problemkreditportfolio.“