Eine Nahaufnahme einer Leiterplatte
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IT-Transformation bei Versicherern
# 1

Erneuerungsstrategien

Management Summary   

In der Versicherungsbranche ist die Transformation der Systemlandschaft seit Jahren in vollem Gange. Dabei ist marktweit zu beobachten, dass diejenigen Versicherer, die eine aus der Geschäfts- und der IT-Strategie abgeleitete Erneuerungsstrategie samt korrespondierendem Transformationspfad entwickelt haben, die Projekte in Zeit, Qualität und Budget wesentlich besser umsetzen. 

Im Markt zeichnen sich für die Entwicklung von Erneuerungsstrategien – abhängig vom Status quo der Systemlandschaft – unterschiedliche Handlungsempfehlungen ab, welche in diesem Artikel vorgestellt werden.

Wo stehen die Versicherer?

Die Versicherungsbranche durchläuft seit Jahren einen tiefgreifenden Transformationsprozess. Getrieben durchzunehmend komplexere Markt- und Fachbereichsanforderungen sowie technologische und demografische Entwicklungen stehen Versicherungen vor der Herausforderung, sowohl ihre Kernsysteme als auch zahlreiche Umsysteme zu modernisieren. 

Abhängig vom jeweiligen Ausgangspunkt befinden sich die Unternehmen dabei aktuell in unterschiedlichen Phasen der Erneuerung. Eines ist auf dem Weg bis hierhin deutlich geworden: Eine punktuelle Modernisierung reicht nicht aus – die Erneuerung der Systemlandschaft muss im Rahmen einer Erneuerungsstrategie ganzheitlich betrachtet werden. 

Ein allgemeingültiges Patentrezept, das für alle Versicherungsunternehmen gleichermaßen anwendbar ist, gibt es dabei nicht.

Wenn die Erneuerungsstrategie nicht ganzheitlich gedacht und auf die individuelle geschäftliche und technische Ausgangssituation des Versicherungsunternehmens abgestimmt wird, zeigen sich mit Blick in den Markt zwei wesentliche Herausforderungen.

Entwicklung eines Erneuerungspfads mit Weitblick für zukünftige Innovationen

Eine zentrale Herausforderung besteht darin, den Erneuerungspfad der Systemlandschaft flexibel genug zu gestalten, so dass Anpassungen im Geschäftsmodell sowie technologische Innovationen auf dem Weg der Transformation ohne grundlegende Umbrüche flexibel berücksichtigt werden können. 

Wer bereits vor fünf oder zehn Jahren mit der Modernisierung begonnen hat, konnte beispielsweise Entwicklungen wie den rasanten Bedeutungsgewinn von KI sowie damit verbundene fachliche und technische Anforderungen an die Systemlandschaft nur schwer vorhersehen.

 

Forcierung einer strategiekonformen Gestaltung des Erneuerungspfads

Die Vielzahl an Modernisierungsbedarfen – von der Erneuerung der Kernsysteme über den Aufbau konsistenter Datenarchitekturen bis hin zu digitalen Kundenschnittstellen – führt bei vielen Versicherern zu Unsicherheiten: „Wo anfangen?“, „Was bringt den größten Nutzen?“, „Wie lassen sich Quick Wins mit langfristigen Zielen verbinden?“. 

Eine enge Ausrichtung an der Geschäfts- und der IT-Strategie liefert hier häufig die notwendige Orientierung – resultiert gleichzeitig aber auch in herausfordernden Diskussionen im Spannungsfeld zwischen der Erhöhung von geschäftlichem Nutzen und dem Abbau von technischen Schulden.

"Eine punktuelle Modernisierung reicht nicht aus – die Erneuerung der Systemlandschaft muss im Rahmen einer Erneuerungsstrategie ganzheitlich betrachtet werden. "

Dr. Michael Kötting, Partner


 

Identifizierung der Handlungsbedarfe

Auf dem Weg hin zu einer Erneuerungsstrategie gilt es zunächst, entlang eines strukturierten Vorgehens die Handlungsbedarfe innerhalb der Systemlandschaft zu identifizieren und zu priorisieren. Hierfür muss jedes Unternehmen die für sich passenden Bewertungsdimensionen definieren und Kriterien zur Einwertung jedes Systems in diese festlegen.

Hierzu hat sich in der Praxis bewährt, die strategischen Leitplanken der Geschäfts- und der IT-Strategie in Vorbereitung eine Ebene tiefer zu legen und notwendige strategische Kernfähigkeiten abzuleiten. 

Werden in der Strategie beispielsweise schlanke, kundenfreundliche Prozesse als Ziel genannt, betrifft dies in der Regel sowohl die Vertriebssysteme als auch Vertrag, Schaden/Leistung bis hin zu In-/Exkasso und Provision. Eine Detaillierung des Verständnisses z. B. „80 % aller Anträge sollen dunkel innerhalb von fünf Sekunden verarbeitet werden“ ermöglicht eine objektiv nachvollziehbare Bewertung der Ist-Systeme.

Neben den so definierten notwendigen Kernfähigkeiten werden in der Bewertung nach unserer Projekterfahrung häufig die folgenden zwei Dimensionen mit betrachtet bzw. dienen diese als Verdichtung: 

Strategische Relevanz
Die Geschäfts- und die IT-Strategie des Unternehmens dienen als Leitplanke für die Frage, welche Business-Domain bzw. Sparte zuerst adressiert werden sollte. Durch die Einwertung der strategischen Relevanz lassen sich die Systeme identifizieren, die den größten Beitrag zur Erreichung der strategischen Ziele leisten. Systeme mit hoher strategischer Relevanz unterstützen zentrale Wertschöpfungsprozesse, differenzieren im Wettbewerb oder ermöglichen neue Geschäftsmodelle. Im Gegensatz dazu leisten Systeme mit geringer strategischer Relevanz nur einen begrenzten Beitrag zur operativen oder marktorientierten Weiterentwicklung.

Technische Qualität
Neben der strategischen Relevanz spielt die technische Qualität der Systeme eine zentrale Rolle für die Erneuerungsstrategie. Systeme, die aufgrund ihrer technologischen Basis z.B. ein erhöhtes demografisches Risiko bergen, stellen potenzielle Schwachstellen dar.

Auf Basis dieser beiden Dimensionen lassen sich die Systeme der Systemlandschaft initial einordnen sowie Handlungsbedarfe und Prioritäten für die Erneuerungsstrategie ableiten. Daraus können sich die folgenden Bedarfe ergeben:

  • Gezielte Modernisierung von strategischen (Kern-)Systemen mit technischem Modernisierungsbedarf
  • Stärken zukunftsfähiger Schlüsselsysteme sichern und gezielt ausbauen
  • Konsolidierung von strategisch peripheren Systemen
  • Ablösung, Stilllegung oder Entwicklung einer Re-Use-Strategie für nicht strategische und technologisch veraltete Systeme

Fazit

Die Analyse zeigt: Eine erfolgreiche Erneuerungsstrategie muss zwei zentrale Herausforderungen adressieren. Erstens erfordert sie Weitblick für zukünftige Innovationen – durch modulare Architekturen, Cloud-Readiness und offene Schnittstellen, die eine flexible Integration neuer Technologien und fachlicher Anforderungen ermöglichen. Zweitens ist eine strategiekonforme Gestaltung des Erneuerungspfads entscheidend, um Modernisierungsmaßnahmen eng an Geschäfts- und IT-Zielen auszurichten und so den größten geschäftlichen Nutzen bei gleichzeitiger Reduktion technischer Risiken zu erzielen.

Es gilt insbesondere Transparenz über Status und Prioritäten zu schaffen, um Modernisierungsentscheidungen faktenbasiert und zukunftsorientiert zu treffen.

Ausblick

Wir haben in diesem Artikel betrachtet, wie Handlungsbedarfe identifiziert und priorisiert werden können. 

Im nächsten Beitrag zeigen wir, welche Szenarien wir für die Umsetzung dieser Handlungsbedarfe am Markt beobachten – und wie Versicherer die Modernisierung ihrer Systemlandschaft effizient und nachhaltig gestalten können. 

 

Alle Artikel auf einen Blick

Im Rahmen dieser Artikelserie veröffentlichen wir Beiträge rund um das Thema IT-Transformation.  

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