Eine Nahaufnahme einer Leiterplatte
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IT-Transformation bei Versicherern
# 4

Aufbau- und Ablauforganisation

Management Summary   

Versicherungsunternehmen ersetzen derzeit in großen Transformationsprojekten ihre Legacy-Systeme durch moderne Standardsoftware. Der Erfolg solcher mehrjährigen Programme hängt maßgeblich von klaren Rollen, eindeutigen Verantwortlichkeiten und effizienten Abstimmungsprozessen ab.

Eine professionelle Aufbau- und Ablauforganisation bildet den entscheidenden Erfolgsfaktor. Sie umfasst die Wahl eines zum Unternehmen passenden Vorgehensmodells, die präzise Zuordnung von Verantwortlichkeiten sowie die Etablierung effizienter Steuerungs- und Entscheidungsmechanismen. In der Praxis hat sich dabei ein hybrid-agiler Ansatz bewährt, der strategische Meilensteinplanung mit flexibler Sprintumsetzung kombiniert und so Planungssicherheit mit Anpassungsfähigkeit verbindet. Dies minimiert Projektrisiken hinsichtlich Zeit- und Kostenüberschreitungen erheblich. 

Kapitel 1

Ausgangslage

Wo stehen die Versicherer?

Viele Versicherungsunternehmen modernisieren ihre Kernsysteme, um den steigenden Anforderungen im Wettbewerb gerecht zu werden. Dabei setzen sie häufig auf Standardsoftware externer Anbieter, die bewährte Lösungen sowie etablierte Vorgehensmodelle und Lieferverfahren mitbringen. 

In unserer Projektpraxis zeigt sich, dass eine individuell angepasste Aufbau- und Ablauforganisation ein zentraler Erfolgsfaktor eines Transformationsprojekts ist.

Kapitel 2

Herausforderungen

Projektorganisation

Eine klare Projektorganisation ist das Fundament erfolgreicher Transformationsprojekte. Viele Versicherer haben jedoch begrenzte Erfahrung mit lang laufenden Großprojekten, die nahezu die gesamte Organisation über Jahre binden. Anbieter von Standardsoftware bringen oft Vorgehensmodelle mit, die eine Anpassung an die jeweilige Situation erfordern. In der Praxis erschweren unklare Strukturen, Verantwortlichkeiten und Eskalationswege sowie die Synchronisation vieler Teams mit zahlreichen Abhängigkeiten die Umsetzung. Dies verzögert Entscheidungen und erhöht das Risiko von Zeit- und Kostenüberschreitungen.

Kapitel 3

Lösungen

Vorgehensmodelle

1. Das passende Vorgehensmodell finden

Bevor mit einem umfangreichen IT-Transformationsprogramm begonnen werden kann, sollte eine grundlegende Entscheidung über das Vorgehensmodell getroffen werden. Dabei hat die Wahl unmittelbare Auswirkungen auf die spätere Projektorganisation. In der Praxis haben sich drei Ansätze etabliert:

Wasserfall: Das Wasserfallmodell setzt auf umfassende Vorausplanung und sequenzielle Phasen mit einmaligem Go-live. Dies bietet klare Planbarkeit, aber wenig Flexibilität und ein hohes Risiko am Ende.

Agil: Im agilen Modell wird in iterativen Sprints ohne langfristige Vorausplanung gearbeitet, mit geteilter Führung und autonomen Teams. Dies ermöglicht maximale Flexibilität, birgt aber das Risiko, dass durch ständige Anpassungen Kosten und Laufzeit steigen.

Hybrid-agil: Der hybrid-agile Ansatz kombiniert eine Roadmap mit definierten Meilensteinen und agile Sprints in der Umsetzung gegen ein feststehendes fachliches und technisches Zielbild. Inkrementelle Go-lives verteilen das Risiko und ermöglichen flexible Anpassungen bei gleichzeitiger Planungssicherheit für das Management.

Große Transformationsprojekte werden typischerweise von externen Standardsystemanbietern unterstützt, die eigene Vorgehensmodelle mitbringen. Diese lassen sich in der Praxis meist gemeinsam an das Unternehmen anpassen und sollten zum Organisationsreifegrad, zur Unternehmenskultur und zur Projektkomplexität passen. Die Marktbeobachtung zeigt dabei, dass hybrid-agile Ansätze bei Versicherern dominieren, da sie Planbarkeit mit Anpassungsfähigkeit verbinden. Die weiteren Kapitel fokussieren sich daher auf dieses Modell. 

2. Rollen und Strukturen definieren und etablieren

Nach der Entscheidung für das Vorgehensmodell, folgt die Definition und Einrichtung der Aufbauorganisation. Dabei werden konkrete Rollen und Funktionen definiert, Verantwortlichkeiten zugeordnet und Gremien etabliert. Funktionen bezeichnen übergeordnete Aufgabenbereiche, beispielsweise das Architekturmanagement. Rollen sind die konkreten Positionen, die diese erfüllen, wobei eine Funktion durchaus durch mehrere Rollen abgedeckt werden kann. Gremien sind strukturierte Zusammenkünfte zur Kommunikation, Abstimmung und Entscheidungsfindung.

Viele Softwarehersteller bringen eigene Strukturen mit, die gemeinsam an das Unternehmen adaptiert werden sollten. Dabei ist zu klären, an welchen Stellen externe Mitarbeitende integriert werden. 

Die Abbildung oberhalb zeigt eine vereinfachte Darstellung einer hybrid-agilen Aufbauorganisation, die verbindet eine klassische Projektorganisation mit agilen Umsetzungsstrukturen verbindet. An der Spitze steht der Lenkungsausschuss als zentrale Entscheidungs- und Eskalationsinstanz. Darunter verantwortet das Projektleitungsteam die Gesamtsteuerung und berichtet an den Lenkungsausschuss.

Die weiteren übergreifenden Funktionen gliedern sich in drei Bereiche: Technische Funktionen definieren Architekturprinzipien, stellen Infrastruktur bereit und überwachen Qualitätsstandards. Fachliche Funktionen priorisieren Anforderungen teamübergreifend und sichern eine fachlich einheitliche Ende-zu-Ende- Umsetzung. Organisatorische Funktionen übernehmen die administrative Steuerung und stellen die Koordination und Kommunikation zwischen den Teams sicher.

Die agilen Projektteams darunter setzen sich aus Fach- und IT-Expert:innen zusammen. In der Praxis findet sich häufig eine domänenorientierte Gliederung der Teams nach Geschäftsbereichen, beispielsweise in Teams für Bestand, Leistung, Partner oder Finanzen.

Zusätzlich werden typischerweise verschiedene Gremien eingerichtet, etwa ein Architektur-Board für Infrastrukturentscheidungen und ein Change-Board für die Bewertung und Priorisierung von Change-Requests.

Für die Rollen, Gremien und Funktionen wird klar definiert, auf welcher Ebene Entscheidungen getroffen werden, und eine verständliche Eskalationslogik gibt vor, wann eine Eskalation an wen erforderlich ist. Klare Rollenabgrenzungen, eindeutige Verantwortlichkeiten und effiziente Gremien sind für den Projekterfolg von besonderer Bedeutung. 

3. Den Projektablaufs planen und steuern 

Die Festlegung und Anpassung des Vorgehensmodells erfolgt gemeinsam mit dem Dienstleister vor Projektbeginn. Es gilt zu berücksichtigen, dass Unternehmen mit geringer agiler Erfahrung mehr Struktur benötigen, während agil erfahrene Häuser mehr Flexibilität verkraften können.

Die hybrid-agile Ablauforganisation verbindet eine übergeordnete Roadmap mit kurzfristig geplanten Iterationen. Dies ermöglicht eine Reaktion auf neue Erkenntnisse, ohne die Gesamtziele aus den Augen zu verlieren. Entscheidend ist ein gemeinsamer Takt über alle Teams hinweg, sodass Abhängigkeiten koordiniert und Releases synchronisiert werden. 

Wie in der Abbildung zu sehen ist, gliedert sich ein Projekt in mehrere Releases. Innerhalb eines Releases werden mehrere Iterationen geplant, in denen Teilfunktionalitäten umgesetzt werden. Jede Teilfunktionalität durchläuft die Phasen Konzeption, Umsetzung und Test, bevor sie produktiv gesetzt wird. Innerhalb einer Iteration befinden sich verschiedene Funktionalitäten parallel in unterschiedlichen Phasen.

Bei großen Transformationsprojekten ist die Skalierung, Synchronisation und Priorisierung über mehrere Teams eine zentrale Herausforderung. Das Scaled Agile Framework (SAFe) bietet hierfür bewährte Strukturen wie den Agile Release Train (ART) oder das Program Increment Planning (PI Planning). Das PI Planning synchronisiert die Arbeit mehrerer Teams mittelfristig und stellt sicher, dass Abhängigkeiten frühzeitig erkannt werden.

Die Kombination aus strukturierter Planung und agiler Umsetzung ermöglicht sowohl Flexibilität als auch Steuerbarkeit. Entscheidend für den Projekterfolg ist, dass Prozesse und Abstimmungsformate von allen Beteiligten konsequent gelebt werden.

Kapitel 4

Fazit und Ausblick

Fazit

Eine durchdachte Projektorganisation bildet das Fundament eines erfolgreichen IT-Transformationsprojekts. Die bewusste Wahl eines passenden Vorgehensmodells, klare Rollen, Funktionen und Gremien sowie eine strukturierte Ablaufplanung schaffen die Voraussetzungen für eine wirksame Umsetzung. Der hybrid-agile Ansatz ermöglicht dabei die Balance zwischen Planungssicherheit und notwendiger Flexibilität. Eine an das Unternehmen angepasste Aufbau- und Ablauforganisation dient als eine verlässliche Basis für die erfolgreiche Projektdurchführung und minimiert das Risiko von Zeit- und Kostenüberschreitungen. 

Ausblick

Im fünften Artikel der Serie betrachten wir die inhaltliche Vorbereitung eines Transformationsprojekts. 

Warum sind ein fachliches und ein technisches Zielbild vor dem Umsetzungsstart unverzichtbar? Wie leitet sich der Scope aus den Zielbildern ab? Welche Leitplanken zur Wahrung des Scopes werden angesetzt?

 

Alle Artikel auf einen Blick

Im Rahmen dieser Artikelserie veröffentlichen wir Beiträge rund um das Thema IT-Transformation.  

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Dr. Jan Hendrik Sohl

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Frank Bunselmeyer

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