Corona verschiebt die Risiken für Versicherer

Die Pandemie hält Menschheit, Wirtschaft und Finanzmärkte in Atem. Entsprechend viel Diskussionsstoff gab es auf unserem Praxisforum Kapitalanlagesteuerung. Einen Überblick über die Statements der teilnehmenden Versicherungsexperten geben Dr. Carsten Wittrock, Partner, Dr. Philipp Faber und Dr. Jörg Münstermann, beide Senior Manager bei zeb.

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Welche kurzfristigen Maßnahmen zur Krisenbewältigung wurden getroffen?

zeb-These: Von Krisen ausgelöste Marktverwerfungen sind kurzfristiger Natur. Deshalb sind keine strukturellen Anpassungen in der Kapitalanlage erforderlich.

Dr. Carsten Wittrock: Auch in dieser Krise zeigt sich, wie umsichtig Versicherer ihre Kapitalanlage steuern. Die Unternehmen achten strikt auf ihre Risikotragfähigkeit. Denn sie müssen über ausreichend Eigenkapital verfügen, um mögliche Anlageverluste auffangen zu können. Wo notwendig, wurde daher die Aktienquote reduziert. Und wo möglich, wurden Opportunitäten bei zum Beispiel Hochzinsanleihen genutzt. Strukturelle Anpassungen wie etwa Branchenumschichtungen wurden punktuell oder keine vorgenommen. „Die mit zeb erarbeitete Asset Allocation hat sich als sehr robust erwiesen. Wir haben die definierte Struktur durchgehalten und Anlagen selektiv zugekauft“, sagte ein Teilnehmer des Forums.

Umstellungen gab es beim Berichtswesen. Um angesichts der extremen Kursausschläge an den Märkten Transparenz gewährleisten zu können, verkürzten einige Gesellschaften ihre Reporting- und Prognose-Zyklen teils bis auf Tagesbasis. Und weil das Risikomanagement als Lehre aus der Finanzkrise vor zehn Jahren heute auf einer umfassenden Kreditanalyse aufsetzt, waren manche Versicherer jetzt in der Lage, Chancen früher wahrzunehmen. 
    
Welche Risikofaktoren gewinnen an Bedeutung?

zeb-These: Eine reine Buy-and-Hold-Strategie bei Anleihen wird mittelfristig zum Risiko.

Dr. Philipp Faber: Die Versicherer betonten die zentrale Rolle von festverzinslichen Wertpapieren in ihren Anlageportfolios. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens sind Anleihen ein wichtiger Baustein im Verfahren zur Steuerung des Unternehmens anhand der zukünftigen Entwicklung der Aktiva und Passiva in der Bilanz, dem sogenannten Asset Liability Management. Um die Überschüsse eines Bestandes gegen Zinsänderungen immun zu machen, werden die Anlagedauer der Kapitalanlagen (Asset, Aktiva) und die Verpflichtungen (Liabilities, Passiva) aus den Versicherungsverträgen aufeinander abgestimmt.

Zweitens liefern Anleihen bis zum Ende ihrer Laufzeit regelmäßig feste Erträge. Daher praktizieren viele Gesellschaften eine Buy-and-hold-Strategie. Zum Ausfall von Zinseinnahmen und des investierten Kapitals kommt es erst bei einem Zahlungsausfall des Emittenten. Folglich verlangen Investoren bei Anleihen mit schlechterer Bonität eine Prämie für das Eingehen zusätzlicher Risiken. Relativ hoch ist die Risikoprämie zum Beispiel bei Anleihen von Schwellenländern. Sehr sicher, dafür aber niedriger verzinst sind beispielsweise Pfandbriefe.

Der bisher fein austarierte Anleihemix von staatlichen, öffentlichen und privaten Emittenten im Portfolio der Versicherer wird durch die Corona-Krise quasi einem Stresstest unterzogen. Denn die Kurs- bzw. Zinsausschläge an den Anleihemärkten haben zugenommen. Vor allem die gestiegene Volatilität der Spreads bedeutet ein erhöhtes Risiko, das bewertet und gemanagt werden muss. Zudem brechen Unternehmen aus bestimmten Branchen infolge der Massenquarantäne die Umsätze weg. Gleichzeitig türmen Staaten riesige Schuldenberge auf. Dementsprechend steigt das Ausfallrisiko all dieser Emittenten.

Daher dürften die Versicherer mit einer reinen Buy-and-Hold-Strategie in Zukunft keinen Erfolg mehr haben. Das wurde auf dem Praxisforum deutlich. Dort hieß es: „Eine umfassende Kreditanalyse und hier insbesondere von Branchen und Einzelemittenten sowie eine aktive taktische Steuerung wird wichtiger.“ Vor allem der Anteil an Corporate Bonds orientiert sich künftig noch stärker an Risikoprämien, Laufzeiten für das Asset Liability Management sowie am erforderlichen Solvenzkapital im Vergleich zu etwa Staatsanleihen und Pfandbriefen. 

Hintergrund zum Solvenzkapital: Gemäß Solvency II müssen Versicherer für stärker risikobehaftete Wertpapiere, wie zum Beispiel Aktien oder Hochzinsanleihen, höhere versicherungstechnische Rückstellungen für mögliche Verpflichtungen im Leistungsfall bilden als etwa für sichere Pfandbriefe. Die notwendige Risikobewertungen führen die Gesellschaften durch.

Werden strategische Asset Allocation und Asset Liability Management angepasst?

zeb-These: Die aktuelle Entkoppelung von Realwirtschaft (Rezession) und Finanzmärkte (Aktienhausse) wird sich binnen fünf Jahren auflösen. Die daraus resultierenden Bewertungskorrekturen müssen bei der langfristigen Strukturierung der Anlagen beachtet werden. 

Dr. Jörg Münstermann: „Wir werden keine Anpassungen in der strategischen Ausrichtung der Kapitalanlage vornehmen.“ Diese Einstellung war weit verbreitet unter den Teilnehmer. Trends zu Zinsprodukten mit höheren Risikoprämien wollen sie im Rahmen von taktischen Anlageentscheidungen berücksichtigen. Einige Versicherer hatten bereits vor Corona verstärkt in illiquide Anlagen wie Infrastruktur, Immobilien und Private Equity mit langfristiger Ausrichtung investiert. 

Indes räumten einige Manager ein, „dass die Erwirtschaftung der notwendigen Erträge zur Bedienung der Verpflichtungen aus den Versicherungsverträgen allein mit Zinspapieren immer schwieriger wird“. Um das Asset Liability Management zu entlasten, müssten auch die Versicherungsprodukte an die Kapitalmarktsituation angepasst werden – zum Beispiel durch den Wegfall von Garantien und dem verstärkten Angebot von Fondspolicen.  

Beim Asset Liability Management selbst verwenden manche Versicherer einen gedanklichen „Zwei-Portfolio-Ansatz“. Die Verpflichtungen aus dem Versicherungsgeschäft deckt ein sogenanntes Kongruenzportfolio ab. Und ein Ertragsportfolio dient dazu, eine angemessene Rentabilität der Kapitalanlage sicherzustellen. Aufgrund des Niedrigzinsniveaus gibt es Überlegungen, bestimmte Anleihen aus dem Ertrags- in das Kongruenzportfolio zu überführen. 

Verschiebt die Krise die relative Attraktivität von Anlageklassen?

zeb-These: Die Nachfrage nach illiquiden Sachwerten steigt. Das drückt tendenziell die erzielbaren Renditen mit diesen Objekten respektive erhöht die Risiken auch in diesem Markt.

Dr. Carsten Wittrock: Das Umfeld aus niedrigem Zinsniveau, schlechteren Bonitäten und erhöhten Ausfallrisiken an den Anleihemärkten in Verbindung mit den aufgelegten Investitions- und Konjunkturprogrammen steigert die Nachfrage nach Sachwerten wie Immobilien, Infrastruktur und Private Equity. Übereinstimmend hieß es auf dem Forum: „Der Trend hin zu Real Assets wird anhalten.“ Innerhalb der einzelnen Sachwertekategorien wollen die Versicherer eine differenziertere Ausrichtung ihrer Anlagen vornehmen. Kriterien dafür sind Regionalität und die Nutzungsart. Beispielsweise befeuert die Corona-Krise den E-Commerce, während der stationäre Textileinzelhandel leidet. In Zukunft dürften hier die Flächennachfrage und die Mieten sinken. In Teilen des Immobilienmarktes könnten die Renditen also unter Druck geraten. 

Gleichzeitig erweitern die Investitionsprogramme von Staaten die Anlagemöglichkeiten. Hier geht es zum Beispiel um den Ausbau der Gesundheits-, Bildungs- und Mobilfunkinfrastruktur. Das breitere Angebot an Infrastrukturanlagen wird tendenziell deren Kaufpreise für Versicherer drücken. Durch die globale Ausrichtung dieser Vermögensklasse ergeben sich neue Möglichkeiten für Infrastruktur-Geschäftsmodelle, hieß es auf dem Praxisforum.

Gewinnt die nachhaltige Kapitalanlage an Bedeutung?

zeb-These: Nachhaltigkeit wird in der Vermögensverwaltung das zentrale Thema der nächsten fünf Jahre. Dabei geht es nicht nur um Umwelt, sondern auch um den Umgang von Unternehmen mit ihren Mitarbeitern und den Menschenrechten sowie um gute Unternehmensführung. Dafür stehen die Begriffe Environment, Social und Governance, kurz: ESG.

Dr. Philipp Faber: Die Versicherer sehen die Verankerung von Nachhaltigkeit in ihren Geschäftsprozessen als notwendige Bedingung ihres Tuns an – eine „conditio sine qua non“. Dies liegt auch an aufsichtsrechtlichen Vorgaben. Auf nationaler Ebene erwartet die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, BaFin, dass unter anderem Versicherer sich mit Nachhaltigkeitsrisiken auseinandersetzen. Dazu hat die Behörde Ende 2019 ein Merkblatt veröffentlicht. Es dient den beaufsichtigten Unternehmen als Orientierungshilfe, wie sie ESG-Kriterien in ihr Risikomanagement einbinden können. Und auf EU-Ebene ist die sogenannte Taxonomie-Verordnung in Kraft und muss von 2022 an umgesetzt werden. Mittels verbindlicher Kriterien für Kapitalsammelstellen soll mehr Anlagegeld in nachhaltige Investitionen fließen.

Wie auf dem Forum deutlich wurde, implementieren Versicherer bereits Nachhaltigkeitskonzepte in ihre Anlagerichtlinien. Dabei orientieren sie sich an den aufsichtsrechtlichen Mindestanforderungen. Zum Teil herrscht noch viel Unsicherheit. So ist noch nicht klar, welchen Maßstab die BaFin bei der Umsetzung der einzelnen Anforderungen ansetzen wird.

Zusammenfassung

Die Diskussionen mit den Expertinnen und Experten von Versicherern über die Konsequenzen der Corona-Krise für die Kapitalanlage zeigen folgende Erkenntnisse:

  • Versicherer haben zwar unterschiedlich, aber allesamt besonnen auf die Kurseinbrüche an den Aktienmärkten reagiert. Die Reaktionen reichten von bewussten Verkäufen über das Wahrnehmen von Opportunitäten bis zum strikten Durchhalten der Kapitalanlagestruktur.
  • Ausfallraten und Spread-Volatilitäten werden für die Risikosteuerung noch wichtiger. Eine reine Buy-and-Hold-Strategie für Kreditportfolios wird mittelfristig zum Risiko.
  • Die Corona-Krise hat keine wesentlichen Änderungen in der strategischen Asset Allocation hervorgerufen. Für das Asset Liability Management ist angesichts des Dauerzinstiefs zu überlegen, welche Assets statt sicherer Anleihen zur Abdeckung der Liability-Anforderungen herangezogen werden sollen und welchen Beitrag die Produktseite leisten kann. 
  • Anlagen in reale Vermögenswerte bleiben bedeutsam für die Kapitalanlage. Einzelne Sachwerte-Kategorien wie Infrastruktur gewinnen an Bedeutung. Insgesamt dürften Real-Asset-Anlageentscheidungen angesichts eines veränderten Preisgefüges differenzierter ausfallen.
  • Kapitalanlagemanagement ohne Nachhaltigkeitsaspekte ist allein aufgrund aufsichtsrechtlicher Vorgaben nicht mehr denkbar. Aber es herrscht noch viel Unsicherheit. Bisher beschränken sich die Versicherer auf die Erfüllung der Mindestanforderungen. 
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„Der Kampf von Staaten und Notenbanken gegen die Covid-19-Pandemie wirbelt die Märkte für Vermögenswerte durcheinander.“

Dr. Philipp Faber, Senior Manager, zeb